Einblicke in Spiritualität

Nachts im Traum die Städt' und Leute,
Ungeheuer, Luftgebäude,
Alle, weißt du, alle steigen,
Aus der Seele dunklem Raum,
Sind dein Bild und Werk, dein eigen,
Sind dein Traum.

Geh am Tag durch Stadt und Gassen,
Schau in Wolken, in Gesichter,
Und du wirst verwundert fassen:
Sie sind dein, du bist ihr Dichter!
Alles, was vor deinen Sinnen
Hundertfältig lebt und gaukelt,
Ist ja dein, ist in dir drinnen,
Traum, den deine Seele schaukelt.

Durch dich selber ewig schreitend,
Bald beschränkend dich, bald weitend,
Bist du Redender und Hörer,
Bist du Schöpfer und Zerstörer.
Zauberkräfte, längst vergeßne,
Spinnen heiligen Betrug,
Und die Welt, die unermeßne,
Lebt von deinem Atemzug.
(Hermann Hesse)

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Das Erwachen ist ein so großes Ereignis im Leben des Menschen, daß es dem Unerwachten schwer ist, seine Bedeutung auch nur zu erahnen. Es verändert das Aussehen aller Dinge, so daß es tatsächlich einen neuen Himmel und eine neue Erde mit sich bringt. Die unerwachte Seele wohnt, wenn sie verkörpert ist, in ihrem Gefängnis und hält die Mauern jenes Gefängnisses für die Grenze des Universums. Wenn sie nicht verkörpert ist, spielt oder schläft sie wie ein Kind in irgendeinem Spielzimmer des Lebens. Die nur teilweise erwachte Seele schaut aus den Türen ihres Gefängnisses in die spirituellen Räume und lernt allmählich, sich von diesen Pforten eine kurze Strecke zu entfernen. Der vollerwachte Mensch herrscht über die Schläfer und zeigt ihnen Dinge, die sie noch nicht kennen. Er wirkt wie einer, der in ein verdunkeltes Haus tritt, die Fensterläden weit öffnet, um den Glanz der Morgendämmerung einzulassen.
(Mabel Collins)

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Rabindranath Tagore schreibt in seinem Werk „Sadhana – Der Weg zur Vollendung“: Die Upanischaden sagen mit großem Ernst: „Erkenne du das Eine, deine Seele. Sie ist die Brücke, die zum unsterblichen Sein führt.“ Dies ist das letzte Ziel des Menschen, das Eine zu finden, das in ihm ist, das seine Wahrheit, seine Seele ist; den Schlüssel, der die Pforte zum geistlichen Leben, zum himmlischen Königreich öffnet.

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Erwachen bedeutet, gewahr zu sein, was man wirklich nicht ist, und zu realisieren, was man wirklich ist, nämlich das namenlose, formlose, ungeborene Hier und Jetzt, das ewige Selbst!

Wenn du erwachst, dann wird in diesem Gewahrsein die gesamte konzeptuelle Welt durchschaut und dieses Durchschauen bewirkt das Verdunsten aller Mißverständnisse. Geburt, Körper und Tod werden als konzeptuelle Vorstellungen durchschaut, als Überlagerungen des Bewußtseins.

Wer erwacht, sucht nicht mehr nach Lösungen, sondern durchschaut das Ego, das verursachende Prinzip aller Probleme. Dadurch wird das Lösungssuchende erlöst.
Erwachen setzt eine gigantische universelle Energie frei, ein heiliges inneres Feuer, und dieses Feuer bringt eine enorme Intensität ins Leben, eine Intensität, in der der Verstand und der Intellekt kapitulieren müssen. Im tiefen Erwachen fügt sich die Seele in stillem Staunen in die große Stille ein, in die Unermeßlichkeit der universellen Liebe.

Werde dieser unermeßlichen Herrlichkeit, der heiligen Weite jenseits der körperlichen Gestalt und des Verstandes gewahr und realisiere, das du dies bist.
(Mario Mantese in dem Buch „Das, was du wirklich bist“)

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Du bist weder Erde, noch Wasser, noch Feuer, noch Luft, noch Raum. Du bist der Beobachter dieser fünf Elemente als Bewußtsein. Dies zu verstehen, ist Befreiung. Wenn Du dich von der Identifikation mit dem Körper befreist und entspannt in und als Bewußtsein verweilst, wirst Du in genau diesem Moment glücklich sein, in Frieden, frei von Bindung.

Du bist nicht das Objekt irgendwelcher Sinne. Losgelöst und formlos bist Du der Beobachter des gesamten Universums. Wisse dies, und sei glücklich.
Du bist der eine Beobachter und als solcher warst Du in der Tat immer frei. Deine einzige Bindung war, daß Du jemand anderen für den Beobachter hieltest.
Du bist es, der das gesamte Universum durchdringt, und dieses Universum existiert in Dir. Deine wahre Natur ist das reine Bewußtsein. Verweile in jenem Bewußtsein, das Du bist - unkonditioniert, unveränderlich, formlos, gelassen, unerschütterlich, von unergründlicher Intelligenz.

Körper, Himmel und Hölle, Bindung und Freiheit, sogar Angst, all dies sind nur Konzepte. Der, der aufgehört hat zu konzeptualisieren und daher frei ist von Bindungen an Sinnesobjekte, der jenseits von Gegensätzen und frei von Wünschen ist, akzeptiert mit Gleichmut, was immer seinen Weg im täglichen Leben kreuzt.
Wenn das Ego anwesend ist, ist dies Bindung, wenn es abwesend ist, ist dies Befreiung.
(Ashtavakra Gita)

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... ich kenne mich selbst nicht mehr ...

... bin weder Christ noch Jude,
... weder Hindu noch Moslem,
... bin von Osten nicht und nicht von West,
... nicht aus der Werkstatt der Natur
... noch aus dem kreisenden All,
... nicht aus Erde, Wasser, Luft oder Feuer,
... bin nicht im Endlichen noch im Unendlichen,
... bin weder von dieser Welt noch von jener;

... bisweilen sind wir sichtbar, bisweilen verborgen,
... bisweilen Muslime, Christen oder Juden - wir durchlaufen unendliche Formen...

... bis unser Herz  Z u f l u c h t  f ü r  a l l e  wird ...
(Mevlana Djelaleddin Rumi)
 

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Es ist unveränderlich, unendlich und unvergänglich.
Es ist rein und jenseits aller Täuschung.
Es ist ewige Unsterblichkeit und Gnade,
es ist Das, was du wirklich bist! Erwache,
und sei dir dessen tief gewahr!
(Mario Mantese)

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Die größte Offenbarung ist die  S t i l l e.
(Laotse)